Hinweis zur Schreibweise
Mill verwendet historische Schreibweisen wie à priori, primâ facie, quâ, jus und injuria. Bei einzelnen Einträgen ist die Schreibweise der zitierten Ausgabe gesondert angegeben. Bei Utilitarianism unterscheiden wir die erste Buchausgabe von 1863 und die von Mill bis 1871 revidierte Fassung, wo sich der Wortlaut sachlich verändert hat.
Zentrale Textausgaben
John Stuart Mill: On Liberty – Project Gutenberg.
John Stuart Mill: Utilitarianism – 7. Ausgabe, 1879, Project Gutenberg.
John Stuart Mill: Utilitarianism – Erstausgabe 1863, S. 69.
John Stuart Mill: Collected Works, Band X – Utilitarianism, Text der Ausgabe von 1871 mit Variantenapparat.
John Stuart Mill: Collected Works, Band XVIII – On Liberty, Text und editorische Anmerkungen.
a fortiori
↑ Zum RegisterBei Mill: à fortiori
Wörtlich
a ist die lateinische Präposition a/ab – «von», «von … her».
fortiori ist der Ablativ Singular von fortior, fortius, dem Komparativ von fortis – «stark». Fortior bedeutet «stärker».
Die vollständigere mittelalterliche Form lautet a fortiori ratione. Ratione ist der Ablativ von ratio – hier «Grund» oder «Begründung».
Wörtlich:
«aus einem stärkeren Grund».
Bedeutung
Sinngemäss: «erst recht», «umso mehr» oder «mit umso stärkerem Grund».
Bei Mill
In On Liberty fragt Mill, welche Güter der Staat am ehesten besteuern soll, wenn er Einnahmen braucht.
Mill hält es für sinnvoll, Güter zu wählen, auf die Menschen vergleichsweise leicht verzichten können. Ein noch stärkerer Grund spricht für Güter, die der Staat schon bei mehr als sehr mässigem Konsum für schädlich hält («beyond a very moderate quantity»). Diesen Schritt kennzeichnet Mill mit à fortiori. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. V, CW XVIII, S. 298
Die Stelle steht in einem grösseren Zusammenhang. Mill unterscheidet zwischen einer Steuer, die der Finanzierung des Staates dient, und einer Massnahme, deren eigentlicher Zweck darin besteht, Erwachsene von einer bestimmten Lebensweise abzuhalten. Das zweite Problem berührt unmittelbar seine Theorie der Freiheit.
Begriffsgeschichte
Die Wendung stammt aus dem mittelalterlichen Latein. Merriam-Webster nennt 1561 als frühesten englischen Beleg.
Besonders dauerhaft blieb der Ausdruck in der juristischen Argumentation. Dort bezeichnet er einen Schluss, bei dem ein bereits anerkannter Grund in einem zweiten Fall noch stärker gilt.
a priori
↑ Zum RegisterBei Mill: à priori
Wörtlich
a bedeutet «von», «von … her».
priori ist der Ablativ Singular von prior, prius – «der frühere», «das frühere», «das vorhergehende».
Wörtlich:
«vom Früheren her» oder «von dem her, was vorausgeht».
Bedeutung
In der neueren Erkenntnistheorie bedeutet a priori, dass die Rechtfertigung einer Überzeugung unabhängig von Erfahrung ist. Stanford Encyclopedia of Philosophy – A Priori Justification and Knowledge
Diese Bedeutung ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung. In der mittelalterlichen Philosophie bezeichnete a priori zunächst eine Richtung des Beweisens.
Bei Mill
Mill führt den Ausdruck gleich zu Beginn von Utilitarianism ein. Er unterscheidet zwei Auffassungen über die Grundlagen der Moral.
Die von ihm als «intuitive» Schule bezeichnete Position nimmt an, dass die obersten moralischen Prinzipien «evident à priori» seien. Mill stellt ihr eine induktive Auffassung gegenüber, nach der auch moralische Erkenntnis mit Beobachtung und Erfahrung zusammenhängt. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. I
Kurz darauf nennt Mill Kant als einen der bedeutendsten Vertreter der à priori moralists. Nach Mill zeigt Kant lediglich, dass niemand die Folgen in Kauf nehmen würde, wenn alle nach grob unmoralischen Regeln handelten.
Mill hält die Frage, wie sich Handlungen auf das Glück auswirken, auch für die Vertreter einer Moral a priori für unverzichtbar, wenn sie ihre Urteile begründen.
Begriffsgeschichte
Die Vorgeschichte führt zu Aristoteles und seiner Unterscheidung zwischen dem, was seiner Natur nach früher ist, und dem, was für uns zuerst erkennbar ist. In der mittelalterlichen Scholastik entwickelten sich daraus die Bezeichnungen a priori und a posteriori. Ein Beweis a priori ging von Ursache oder Grund zur Wirkung; ein Beweis a posteriori in der umgekehrten Richtung.
Mit der neuzeitlichen Erkenntnistheorie verlagerte sich die Frage. Besonders folgenreich wurde die Verwendung bei Immanuel Kant: Erkenntnis a priori ist bei ihm von Erfahrung unabhängig.
Die Unterscheidung blieb auch nach Kant bestehen. Bis heute gehört die Frage, ob und wie Erkenntnis unabhängig von Erfahrung gerechtfertigt werden kann, zu den Grundproblemen der Erkenntnistheorie.
ad misericordiam
↑ Zum RegisterWörtlich
ad bedeutet «zu», «auf … hin».
misericordiam ist der Akkusativ Singular von misericordia – «Mitleid», «Erbarmen», «Mitgefühl».
Wörtlich:
«an das Mitleid».
Bedeutung
Ad misericordiam bezeichnet einen Appell an Mitleid oder Erbarmen.
Bei Mill
In On Liberty behandelt Mill Menschen, die wegen einer unpopulären Auffassung gesellschaftliche Nachteile erleiden.
Mill spricht hier von Menschen, deren Lebensunterhalt gesichert ist und die weder die Gunst der Mächtigen noch die der Öffentlichkeit brauchen. Für sie gebe es keinen Raum für einen appeal ad misericordiam, einen Appell an das Mitleid. Sie müssten es ertragen können, dass andere schlecht über sie denken oder reden.
Mill fragt anschliessend, was die Gesellschaft selbst verliert, wenn Menschen ihre Ansichten für sich behalten. Abweichende Auffassungen werden dann nur noch in kleinen Kreisen erörtert. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. II
Begriffsgeschichte
Appelle an Mitleid gehören bereits zur antiken Rhetorik. Die feste Bezeichnung ad misericordiam als eigener Argumenttyp ist jünger.
In der modernen Argumentationstheorie bezeichnet der Ausdruck nicht automatisch einen Fehlschluss. Entscheidend ist, ob das hervorgerufene Mitleid für die strittige Frage tatsächlich einen sachlichen Grund liefert.
ceteris paribus
↑ Zum RegisterBei Mill: cæteris paribus
Wörtlich
ceteris ist der Ablativ Plural von ceterus, -a, -um – «der übrige», «der andere».
paribus ist der Ablativ Plural von par, paris – «gleich».
Wörtlich:
«wenn die übrigen Dinge gleich sind»
oder
«wenn die übrigen Dinge gleich bleiben».
Bedeutung
Ceteris paribus bedeutet «unter sonst gleichen Bedingungen» oder «unter sonst gleichen Umständen».
Der Ausdruck ist besonders wichtig, wenn ein Ergebnis von mehreren Faktoren beeinflusst wird. Er erlaubt es, einen Zusammenhang einzeln zu untersuchen, während andere Einflussgrössen für diesen Untersuchungsschritt als unverändert gelten.
Bei Mill
Mill verwendet die Wendung in On Liberty bei der Frage, wann wirtschaftliches Handeln staatlich geregelt werden darf.
Handel ist für ihn keine rein private Handlung. Verkäufer treten mit anderen Menschen in Beziehung und können deren Interessen berühren. Bestimmte Regeln – etwa gegen Betrug oder zum Schutz vor konkreten Gefahren – können deshalb zulässig sein.
Unter sonst gleichen Bedingungen hält Mill es für besser, die Menschen selbst entscheiden zu lassen. Im selben Satz hält er fest, dass Kontrollen für die genannten Zwecke zulässig sein können. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. V
Begriffsgeschichte
Eine nichttechnische Verwendung findet sich bereits bei Cicero. Für wirtschaftliche Fragen ist die Formel spätestens um 1295 bei Petrus Johannis Olivi belegt. Im 16. Jahrhundert verwenden sie Juan de Medina und Luis de Molina. 1662 erscheint caeteris paribus bei William Petty in einer englischsprachigen wirtschaftlichen Schrift. Stanford Encyclopedia of Philosophy – Geschichte von ceteris paribus
Im späten 19. Jahrhundert wurde die Formel durch Alfred Marshall zu einem wichtigen Werkzeug ökonomischer Analyse. Im 20. Jahrhundert wurde sie zusätzlich zum Gegenstand der Wissenschaftstheorie.
commission de lunatico
↑ Zum RegisterWörtlich
Die Formel ist ein Sonderfall: Mill verbindet einen englischen Ausdruck mit einer lateinischen Rechtsformel.
commission bezeichnet einen förmlichen Untersuchungsauftrag.
de bedeutet «über», «hinsichtlich», «betreffend».
lunatico ist der Ablativ Singular von lunaticus. Das Wort gehört zu luna, «Mond». Es bezeichnete historisch eine Person, die als psychisch krank galt.
Die ausführlichere Rechtsformel lautet de lunatico inquirendo.
Wörtlich ungefähr:
«zur Untersuchung einer als psychisch krank geltenden Person».
Bedeutung
Mit einer commission de lunatico inquirendo ordnete die Chancery eine Untersuchung an. Sie sollte klären, ob eine Person ihre Angelegenheiten und insbesondere ihr Vermögen selbst verwalten konnte. Der Auftrag betraf ihre rechtliche Selbständigkeit und die Verwaltung ihres Besitzes. Die Kommission war als solche keine Einweisung in eine Anstalt. The National Archives – Mental health records
Bei Mill
Mill verwendet die Formel in On Liberty bei seiner Verteidigung ungewöhnlicher Lebensweisen.
Menschen, deren Verhalten stark von gesellschaftlichen Erwartungen abwich, riskierten nach seiner zugespitzten Darstellung nicht nur Spott oder Ablehnung. Im äussersten Fall konnten ihre Urteilsfähigkeit und ihre rechtliche Selbständigkeit zum Gegenstand eines Verfahrens werden.
In einer Fussnote beschreibt Mill, wie ungewöhnliches Verhalten vor einer Jury als Beleg für «insanity» angeführt wurde. Mill, On Liberty, Kap. III, CW XVIII, S. 271, Anm.
Begriffsgeschichte
De lunatico inquirendo gehörte zum älteren englischen Recht. Je nach Befund konnte die betroffene Person das Recht verlieren, ihr Vermögen selbst zu verwalten.
Mill erwähnt im selben Satz die Gefahr, dass den Betroffenen ihr Vermögen entzogen und ihren Verwandten übergeben würde. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. III
de jure
↑ Zum RegisterHeute auch: de iure
Wörtlich
de bedeutet hier «von», «hinsichtlich» oder «gemäss».
jure ist der Ablativ Singular von jus, juris – heute meist ius, iuris – «Recht».
Wörtlich:
«dem Recht nach».
Bedeutung
De jure bedeutet «rechtlich» oder «dem Recht nach».
Bei Mill
Der Ausdruck steht im ersten Kapitel von On Liberty und gehört unmittelbar zur Grenze zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung.
Handlungen, die nur den Handelnden selbst betreffen, gehören grundsätzlich in dessen eigenen Bereich. Wo die Interessen anderer betroffen sind, ist der Einzelne ihnen gegenüber dem Recht nach verantwortlich (de jure amenable). Nötigenfalls gilt das auch gegenüber der Gesellschaft, die ihre Interessen schützt. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. I
Mill fragt also nicht, ob eine Gesellschaft faktisch Macht besitzt. Er fragt, wann sie berechtigt ist, jemanden zur Verantwortung zu ziehen.
Begriffsgeschichte
De jure stammt aus dem mittelalterlichen Latein. Im Englischen ist die Wendung seit 1611 belegt.
Besonders geläufig wurde später die Gegenüberstellung von de jure und de facto: Was rechtlich gilt, kann von dem abweichen, was tatsächlich besteht.
Deorum injuriae Diis curae
↑ Zum RegisterBei Mill: Deorum injuriæ Diis curæ
Wörtlich
deorum – Genitiv Plural von deus. Der Genitiv ist hier objektiv zu verstehen: «gegen die Götter».
injuriae – Nominativ Plural von injuria: «Unrecht», «Kränkungen», «Beleidigungen».
Diis – Dativ Plural von deus: «den Göttern».
curae – Dativ Singular von cura: «zur Sorge», «als Angelegenheit». Zusammen bilden Diis curae eine doppelte Dativkonstruktion.
Wörtlich:
«Beleidigungen gegen die Götter sind Sache der Götter.»
Bedeutung
Die Sentenz besagt: Um vermeintliche Beleidigungen der Götter sollen sich die Götter selbst kümmern.
Bei Mill
Mill verwendet die Formel in On Liberty bei seiner Kritik an religiös begründeter Gesetzgebung.
Er behandelt Einschränkungen von Sonntagsvergnügungen. Wenn das Argument gegen eine Handlung lediglich lautet, sie sei vor Gott religiös falsch, reicht dies für Mill nicht aus, um sie anderen Menschen zu verbieten.
Unmittelbar danach schreibt er Deorum injuriae Diis curae und fragt, woher eine Gesellschaft überhaupt den Auftrag nehmen sollte, eine vermeintliche Beleidigung Gottes zu rächen, die keinem Mitmenschen Unrecht zufügt. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. IV
Begriffsgeschichte
Der historische Ausgangspunkt liegt bei Tacitus, Annales I, 73. Dort steht im Zusammenhang indirekter Rede:
deorum iniurias dis curae
Iniurias ist bei Tacitus Akkusativ Plural, weil die Aussage von scripsit abhängt und ein esse mitzudenken ist. Dis ist die kürzere Dativform neben diis. Bei Mill steht die Sentenz selbständig im Nominativ. Tacitus, Annales I, 73 – lateinischer Text
Diese Form verwendete bereits Thomas Jefferson 1824 in einem Brief an George Thacher. Die Herausgeber des Briefs verweisen auf Tacitus. Jefferson an George Thacher, 26. Januar 1824
Die Sentenz wurde damit zu einem Argument gegen die staatliche Bestrafung vermeintlicher religiöser Verfehlungen.
δίκαιον – dikaion / δίκη – dikē
↑ Zum RegisterWörtlich
Nach dem griechischen Lexikon LSJ bezeichnet δίκη – dikē je nach Zusammenhang unter anderem «Brauch», «Recht», «Gerechtigkeit», «Rechtsstreit» oder «Strafe». LSJ über Scaife ATLAS – δίκη
δίκαιον – dikaion ist die substantivierte neutrale Form von δίκαιος – dikaios – «gerecht», «rechtmässig».
Wörtlich bedeutet τὸ δίκαιον:
«das Gerechte» oder «das Rechte».
Bedeutung
Dikē kann sowohl Recht und Gerechtigkeit als auch einen konkreten Rechtsstreit bezeichnen.
Dikaion bezeichnet das, was gerecht oder recht ist.
Bei Mill
Mill führt beide Wörter in Utilitarianism ein, als er untersucht, woher die Vorstellung von Gerechtigkeit stammt.
In der ersten Ausgabe von 1863 steht ausdrücklich:
Δίκαιον comes directly from δίκη, a suit at law.
Utilitarianism, Ausgabe von 1863, S. 69
Ab 1864 lässt Mill das Wort «directly» weg. Den Rechtsstreit bezeichnet er nun als Hauptbedeutung von δίκη, zumindest für die historisch bezeugte Zeit Griechenlands. Mill, Utilitarianism, Kap. V, CW X, S. 244 mit Variantenapparat
Für sein Argument ist die Verbindung zwischen Gerechtigkeit und verbindlicher gesellschaftlicher Ordnung wichtig. Er untersucht, weshalb Vorstellungen von Gerechtigkeit historisch so eng mit Gesetz, Recht und durchsetzbaren Regeln verbunden sind.
Begriffsgeschichte
Dikē gehört zum alten Grundwortschatz der griechischen Rechts- und Moralsprache. Bei Platon und Aristoteles wird die Wortfamilie um dikē, dikaios und dikaiosynē zu einem wichtigen philosophischen Vokabular der Gerechtigkeit.
Die Frage reicht dort weit über einzelne Rechtsfälle hinaus: Was ist eine gerechte Handlung, ein gerechter Mensch oder eine gerechte politische Ordnung?
ex vi termini
↑ Zum RegisterWörtlich
ex – «aus», «von … her».
vi – Ablativ von vis: «Kraft». Die Verbindung ex vi bedeutet zusammen «kraft».
termini – Genitiv von terminus: «Grenze», «Begriff», «Ausdruck».
Wörtlich:
«kraft des Ausdrucks».
Merriam-Webster – ex vi termini
Bedeutung
Ex vi termini bedeutet: Etwas folgt bereits aus der Bedeutung des verwendeten Ausdrucks – «per Definition».
Bei Mill
In On Liberty schreibt Mill über Menschen von aussergewöhnlicher Begabung. Menschen von Genie seien ex vi termini stärker individuell als andere. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. III
Wenn jemand gerade wegen seiner aussergewöhnlichen Fähigkeiten und Eigenart als Genie bezeichnet wird, gehört grössere Individualität bereits zu dem, was mit diesem Ausdruck gemeint ist.
Die Stelle steht in Mills Verteidigung der Individualität. Eine Gesellschaft, die Abweichungen vom Durchschnitt möglichst klein hält, erschwert gerade denjenigen Menschen die Entfaltung, deren Eigenart besonders stark ausgeprägt ist.
Begriffsgeschichte
Die Formel gehört zur lateinischen Gelehrten- und Rechtssprache. Sie kennzeichnet eine Folgerung, die bereits aus der Bedeutung eines Ausdrucks hervorgeht.
jus – jussum – justum
↑ Zum RegisterHeute: ius – iussum – iustum
Wörtlich
ius – «Recht».
iussum – «Befehl», «Anordnung», «das Befohlene»; das Wort gehört zu iubere – «befehlen», «anordnen».
iustum – substantivierte neutrale Form von iustus: «das Gerechte», «das Rechtmässige».
Bedeutung
Die drei ähnlich aussehenden Wörter bezeichnen Verschiedenes:
ius – Recht
iussum – das Befohlene
iustum – das Gerechte oder Rechtmässige.
Bei Mill
Mill stellt die Wörter in Utilitarianism bei seiner Untersuchung des Gerechtigkeitsbegriffs nebeneinander. In der letzten von Mill autorisierten Ausgabe von 1871 lautet die Passage:
“Justum is a form of jussum, that which has been ordered. Jus is of the same origin.” Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V, CW X, S. 244
Diese Etymologie entspricht nicht dem heutigen sprachwissenschaftlichen Stand.
Iustum gehört zur Wortfamilie von ius, «Recht». Iussum ist eine Form von iubere, «befehlen». Lewis & Short – iustus · Lewis – iubeo
Mill führt diese Herleitung an, um zu erklären, weshalb Vorstellungen von Gerechtigkeit so eng mit Gesetz und verbindlichen Regeln verbunden sind.
Begriffsgeschichte
Ius gehört zum Grundwortschatz des römischen Rechts und konnte sowohl Recht als Ordnung als auch einen konkreten Rechtsanspruch bezeichnen.
Aus dieser Wortfamilie stammt iustus – «rechtmässig», «gerecht». Aus ihr entwickelten sich später zahlreiche europäische Wörter der Rechts- und Moralsprache, darunter englisch justice und deutsch «Justiz».
Iussum gehört dagegen zu einer anderen Wortfamilie: iubere, «befehlen».
lex talionis
↑ Zum RegisterWörtlich
lex – «Gesetz».
talionis – Genitiv von talio: entsprechende oder gleichartige Vergeltung.
Wörtlich:
«Gesetz der gleichartigen Vergeltung».
Bedeutung
Die lex talionis verlangt eine Strafe, die dem zugefügten Unrecht in ihrer Art entspricht. Lewis & Short – talio
Bei Mill
In Kapitel V von Utilitarianism untersucht Mill verschiedene Vorstellungen gerechter Strafe.
Keine Regel spreche das ursprüngliche und spontane Gerechtigkeitsgefühl so unmittelbar an wie die lex talionis: «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Zugleich stellt Mill fest, dass dieses Prinzip in Europa zu seiner Zeit als Strafregel weitgehend aufgegeben worden sei. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V
Trifft einen Täter zufällig eine solche Vergeltung, empfinden viele das nach Mill als befriedigend.
Die lex talionis dient ihm deshalb als weiteres Beispiel dafür, dass intuitive Gerechtigkeitsvorstellungen noch keinen eindeutigen Massstab für gerechte Strafe ergeben.
Begriffsgeschichte
Das Prinzip ist wesentlich älter als die lateinische Bezeichnung. Es erscheint unter anderem in biblischen Rechtstexten.
Dabei lässt sich die lex talionis nicht nur als Aufforderung zur Vergeltung lesen. In der Rechtsgeschichte wurde sie auch als Begrenzung der Strafe verstanden: Die Reaktion soll nicht über das zugefügte Unrecht hinausgehen. Oxford Journal of Legal Studies – Proportionalität und lex talionis
nisi prius
↑ Zum RegisterWörtlich
nisi – «wenn nicht», «es sei denn».
prius – «früher», «vorher».
Wörtlich:
«wenn nicht vorher».
Bedeutung
Nisi prius bezeichnete im älteren englischen Common Law die örtliche Verhandlung von Tatsachenfragen in Zivilsachen vor einem Richter – regelmässig mit Jury –, obwohl das Verfahren formal an einem der Zentralgerichte in Westminster begonnen hatte. Später wurde der Ausdruck allgemeiner für ein erstinstanzliches Gerichts- oder Juryverfahren gebraucht.
Bei Mill
In On Liberty beschreibt Mill, wie ausgewählte katholische Geistliche gegnerische Schriften lesen dürfen, um die Argumente zu widerlegen.
Diese Ausbildung könne einen gewandten nisi prius advocate hervorbringen. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. II
Für wirkliche intellektuelle Bildung reicht das nicht. Ein Anwalt muss den ihm anvertrauten Fall überzeugend vertreten. Wer eine Frage verstehen will, muss dagegen auch die stärksten Argumente der Gegenseite kennen, prüfen und beantworten können.
Damit fügt sich der juristische Ausdruck unmittelbar in Mills Argument für freie Diskussion ein.
Begriffsgeschichte
Der Name geht auf die Form mittelalterlicher Gerichtsaufträge zurück: Eine Jury sollte zu einem späteren Termin erscheinen, «wenn nicht vorher» – nisi prius – königliche Richter den Fall bereits vor Ort behandelt hatten.
Der Statute of Westminster II von 1285 spielte für die Entwicklung dieses Verfahrens eine wichtige Rolle. Rechtsgeschichtlicher Beleg – Westminster II, Kap. 30
odium theologicum
↑ Zum RegisterWörtlich
odium – «Hass», «Abneigung», «Feindschaft».
theologicum – «theologisch».
Wörtlich:
«theologischer Hass».
Merriam-Webster – odium theologicum
Bedeutung
Odium theologicum bezeichnet besonders heftige Feindschaft, die aus religiösen oder theologischen Auseinandersetzungen entsteht.
Bei Mill
Im ersten Kapitel von On Liberty untersucht Mill, wie gesellschaftliche Vorstellungen darüber entstehen, welches Verhalten gebilligt oder missbilligt wird.
Moralische Gefühle können aus Gewohnheit, Eigeninteresse, gesellschaftlichen Erwartungen oder religiösen Überzeugungen hervorgehen. Beim aufrichtigen religiösen Fanatiker nennt Mill das odium theologicum als einen besonders eindeutigen Fall moralischen Gefühls. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. I
Für Mill zeigt der religiöse Hass, wie sehr sich das moralische Empfinden irren kann.
Begriffsgeschichte
Odium theologicum gehört zum neulateinischen Wortschatz religiöser Kontroversen. Die Formel bezeichnet nicht eine bestimmte Lehre, sondern die besondere Verbitterung und Unnachgiebigkeit, die theologische Auseinandersetzungen annehmen können.
per se
↑ Zum RegisterWörtlich
per – «durch».
se – «sich selbst».
Wörtlich:
«durch sich selbst».
Bedeutung
Per se bedeutet «an sich» oder «für sich betrachtet».
Bei Mill
In Kapitel V von Utilitarianism fragt Mill, ob Gerechtigkeit einen eigenständigen moralischen Massstab bildet.
Wäre Gerechtigkeit ein standard per se, den der Mensch allein durch innere Betrachtung erkennen könnte, wäre für Mill schwer zu erklären, weshalb Menschen bei konkreten Fragen der Gerechtigkeit zu so unterschiedlichen Urteilen kommen. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V
Die Stelle gehört zu seinem Versuch, die besondere Kraft des Gerechtigkeitsgefühls zu erklären, ohne dafür einen vom Nutzen völlig unabhängigen moralischen Massstab anzunehmen.
Begriffsgeschichte
Per se gehört seit langer Zeit zur lateinischen philosophischen Sprache. Im Englischen ist der Ausdruck seit 1574 belegt.
πλεονεξία – pleonexia
↑ Zum RegisterBei Mill (CW XVIII): πλεονεξια
Wörtlich
πλέον – pleon – «mehr».
ἔχειν – echein – «haben».
Wörtlich liegt darin die Vorstellung:
«mehr haben».
Das verlinkte Lexicon Thucydideum ist ein Spezialwörterbuch zum Wortschatz des Thukydides; es belegt für diesen Autor unter anderem Bedeutungen wie Habgier und übermässiges Beanspruchen. Für das gesamte klassische Griechisch darf ein solcher Spezialbeleg nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Scaife ATLAS – Lexicon Thucydideum, πλεονεξία
Bedeutung
Pleonexia bezeichnet das Streben, mehr für sich zu beanspruchen, als einem zusteht: Habgier, Übervorteilung oder das Verlangen nach einem übermässigen Anteil.
Bei Mill
In On Liberty unterscheidet Mill zwischen Eigenschaften, die vor allem dem Handelnden selbst schaden, und solchen, durch die andere Menschen unmittelbar betroffen sind.
Zur zweiten Gruppe zählt er «the desire to engross more than one's share of advantages» und setzt unmittelbar dahinter den griechischen Begriff. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. IV, CW XVIII, S. 279
Der Ausdruck bezeichnet deshalb bei Mill nicht einfach ein starkes Verlangen nach Besitz. Es geht darum, sich mehr als den eigenen Anteil zu verschaffen. Gerade diese Beziehung zu den Ansprüchen anderer macht pleonexia für seine Unterscheidung moralisch relevant.
Begriffsgeschichte
In der klassischen griechischen Philosophie wurde pleonexia zu einem wichtigen Gegenbegriff der Gerechtigkeit.
Bei Platon erscheint das Streben nach dem Mehrhaben besonders in Gorgias und Politeia. Auch Aristoteles verbindet bestimmte Formen der Ungerechtigkeit damit, einen grösseren Anteil an Gütern oder einen kleineren Anteil an Lasten für sich zu beanspruchen. Aristoteles, Nikomachische Ethik V, 1129b1–10
prima facie
↑ Zum RegisterBei Mill: primâ facie
Wörtlich
prima ist der Ablativ Singular Femininum von primus – «der erste».
facie ist der Ablativ Singular von facies – «Erscheinung», «Anblick», «Gestalt».
Wörtlich:
«beim ersten Anblick».
Bedeutung
Prima facie bedeutet «auf den ersten Blick», «zunächst» oder «nach dem ersten Anschein».
Bei Mill
Der Ausdruck steht im ersten Kapitel von On Liberty an einer zentralen Stelle.
Wenn jemand anderen schadet, besteht nach Mill zunächst ein Grund für eine gesetzliche Strafe («primâ facie case»). Wo sich gesetzliche Strafen nicht gefahrlos anwenden lassen, nennt er allgemeine Missbilligung. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. I
Prima facie ist dabei wichtig: Der Schaden liefert zunächst einen Grund für gesellschaftliche Verantwortlichkeit. Mill sagt nicht, dass jeder Schaden automatisch eine Sanktion rechtfertigt. Weitere Gründe können im konkreten Fall gegen einen Eingriff sprechen.
Der Ausdruck schützt das Schadensprinzip damit vor einer zu einfachen Lesart.
Begriffsgeschichte
Im Englischen ist prima facie seit etwa 1500 belegt. In der Rechtssprache entwickelte sich daraus die bis heute gebräuchliche Bedeutung eines Falles oder Beweises, der zunächst ausreichend erscheint, solange keine entgegenstehenden Gründe oder Beweise hinzukommen.
qua
↑ Zum RegisterBei Mill: quâ
Wörtlich
quā ist die feminine Form des Ablativ Singular von qui, quae, quod. In adverbialer Verwendung kann sie «in welcher Eigenschaft» oder «insofern als» bedeuten. Merriam-Webster – qua
Bedeutung
Qua bedeutet «als», «in der Eigenschaft als» oder «insofern als».
Bei Mill
Mill schreibt in On Liberty:
“all restraint, quâ restraint, is an evil” Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. V
Er sagt damit nicht, dass jede Beschränkung insgesamt unzulässig wäre. Er betrachtet nur eine ihrer Eigenschaften: Insofern eine Regel Freiheit beschränkt, ist diese Beschränkung ein Nachteil.
Andere Gründe können trotzdem für dieselbe Regel sprechen. Im unmittelbar folgenden Text nennt Mill beispielsweise Schutz vor Betrug und Sicherheitsvorschriften als grundsätzlich zulässige Gegenstände staatlicher Regelung.
Begriffsgeschichte
Als englische Präposition ist qua seit 1647 belegt. Die damals übernommene Bedeutung «in der Eigenschaft als» entspricht bereits dem Gebrauch bei Mill.
Socratici viri
↑ Zum RegisterWörtlich
Socratici ist der Nominativ Plural von Socraticus – «sokratisch», «zu Sokrates gehörig».
viri ist der Nominativ Plural von vir – «Mann».
Wörtlich:
«sokratische Männer».
Bedeutung
Gemeint sind Männer aus dem Umfeld oder der philosophischen Tradition des Sokrates.
Bei Mill
In On Liberty behandelt Mill die Frage, wie Menschen eine Auffassung wirklich verstehen lernen.
Er blickt dabei auf ältere Formen argumentativer Schulung zurück. Selbst die scholastischen Disputationen des Mittelalters hätten einen gewissen Wert gehabt, weil Lernende gezwungen wurden, eine Position und ihre Gegenposition zu kennen. Noch höher stellt Mill jedoch die kraftvolle Dialektik, welche die «Socratici viri» intellektuell gebildet habe. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. II
Der Bezug auf Sokrates gehört unmittelbar zu Mills Verteidigung freier Diskussion. Eine Auffassung bleibt für ihn nur dann lebendig, wenn sie sich ernsthaften Gegenargumenten stellen muss.
Begriffsgeschichte
Die lateinische Wendung ist bereits bei Cicero belegt. In einem Brief an Atticus aus dem Jahr 44 v. Chr. ruft er O Socrate et Socratici viri! aus. Cicero, Ad Atticum 14,9
Auf diesen Brief verweist auch Robson in seiner Anmerkung zu Mill. Mill, On Liberty, Kap. II, CW XVIII, S. 251, Anm.
sui generis
↑ Zum RegisterWörtlich
sui ist hier der Genitiv des Reflexivpronomens se – «seiner selbst».
generis ist der Genitiv Singular von genus – «Art», «Gattung».
Wörtlich:
«von eigener Art» oder «seiner eigenen Gattung».
Bedeutung
Sui generis bezeichnet etwas, das eine eigene Art bildet und sich nicht einfach einer bereits bestehenden Kategorie zuordnen lässt.
Bei Mill
In Kapitel V von Utilitarianism fragt Mill, ob das Gerechtigkeitsgefühl etwas sui generis ist.
Die Alternative formuliert er sehr konkret: Ist dieses Gefühl eine eigenständige psychische Gegebenheit, vergleichbar mit Farb- oder Geschmacksempfindungen, oder entsteht es aus einer Verbindung anderer Gefühle? Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V
Mill unterscheidet den Ursprung des Gerechtigkeitsgefühls von der Frage, wie verbindlich es als moralischer Massstab ist.
Begriffsgeschichte
Merriam-Webster nennt 1615 als frühesten englischen Beleg für sui generis.
summum bonum
↑ Zum RegisterWörtlich
summum ist die neutrale Form von summus – «das höchste», «das oberste».
bonum ist das substantivierte Neutrum von bonus – «das Gute», «ein Gut».
Wörtlich:
«das höchste Gut».
Bedeutung
Summum bonum bezeichnet das höchste oder letzte Gut, an dem andere Güter und Ziele ausgerichtet werden.
Bei Mill
Mill eröffnet Utilitarianism mit der Feststellung, dass die Frage nach dem summum bonum seit den Anfängen der Philosophie zu den grossen Streitfragen gehöre. Im selben Satz setzt er diese Frage mit der Frage nach dem Fundament der Moral in Verbindung. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. I
Für Mill hängen beide Probleme eng zusammen: Nach welchem letzten Massstab beurteilen wir Handlungen, und welches Gut bildet den letzten Bezugspunkt dieser Bewertung?
Für Mill sind Handlungen in dem Mass richtig, in dem sie das Glück fördern. Unter Glück versteht er Lust und die Abwesenheit von Schmerz («pleasure and the absence of pain»). Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. II, CW X, S. 210
Begriffsgeschichte
Die Frage nach dem höchsten Gut gehört zum Grundbestand antiker Ethik. Die verschiedenen hellenistischen Philosophenschulen liessen sich unter anderem danach unterscheiden, was sie als höchstes Gut und letztes Ziel des Lebens bestimmten. Stanford Encyclopedia of Philosophy – Stoicism, zum summum bonum und telos
In der lateinischen Philosophie wurde dafür die Formel summum bonum geläufig. Cicero behandelt in De finibus bonorum et malorum ausführlich die konkurrierenden Auffassungen der antiken Schulen.
Später erhielt der Ausdruck in der christlichen Philosophie neue Bedeutungen. Auch Immanuel Kant verwendet den Begriff des höchsten Gutes, verbindet damit jedoch eine eigene Frage nach dem Verhältnis von Tugend und Glück.
Mill verwendet also einen Ausdruck, in dem bereits eine lange Geschichte sehr unterschiedlicher Antworten steckt.
volenti non fit injuria
↑ Zum RegisterWörtlich
volenti ist der Dativ Singular von volens, dem Partizip von velle – «wollen»: «dem Wollenden», «dem Einwilligenden».
non – «nicht».
fit – «geschieht», «wird».
injuria – «Unrecht», «Rechtsverletzung».
Wörtlich:
«Dem Einwilligenden geschieht kein Unrecht.»
Bedeutung
Die Maxime besagt: Wer freiwillig und wirksam in etwas eingewilligt hat, kann grundsätzlich nicht gerade diese Handlung als ihm zugefügtes Unrecht behandeln.
Bei Mill
Mill führt die Formel in Kapitel V von Utilitarianism bei seiner Untersuchung verschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen an.
Er behandelt dort die Vorstellung eines ursprünglichen Gesellschaftsvertrages: Menschen hätten sich verpflichtet, den Gesetzen zu gehorchen und damit auch ihrer Bestrafung zugestimmt. Diese Konstruktion sollte die Strafe mit der Maxime volenti non fit injuria rechtfertigen. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V
Mill weist diese Lösung zurück. Selbst wenn die Zustimmung tatsächlich vorläge, hätte die Maxime für ihn keine höhere Autorität als andere Gerechtigkeitsregeln. Gerichte können freiwillig eingegangene Verpflichtungen wegen Betrugs aufheben, unter Umständen auch wegen Irrtums oder falscher Information.
Die Stelle zeigt einen wichtigen Teil seiner Methode in Kapitel V. Mill sammelt verbreitete Vorstellungen von Gerechtigkeit und prüft, ob sie für sich allein einen widerspruchsfreien moralischen Massstab ergeben.
Begriffsgeschichte
Der zugrunde liegende Gedanke ist bereits im römischen Recht belegt. In Justinians Digesten wird eine Aussage des Juristen Ulpian überliefert:
nulla iniuria est, quae in volentem fiat – «Kein Unrecht geschieht demjenigen, der einwilligt». Digesten 47.10.1.5 – Universität Grenoble Alpes
Die später geläufige Formel volenti non fit injuria fasst diesen Gedanken knapper.
Im Common Law wurde die Maxime besonders mit der freiwilligen Übernahme eines bekannten Risikos verbunden. Cornell Legal Information Institute – volenti non fit injuria
