Hinweis zur Schreibweise

Mill verwendet historische Formen wie à priori, primâ facie, quâ, jus und injuria. Die Stichwörter dieses Fundus folgen grundsätzlich der heute üblichen normalisierten Schreibweise (a priori, prima facie, qua, ius, iniuria); Mills Originalform wird jeweils ausdrücklich genannt. Bei Utilitarianism werden die Erstausgabe von 1863 und die bis 1871 von Mill revidierte Fassung dort unterschieden, wo sich der Wortlaut sachlich relevant verändert hat.

Zentrale Textausgaben

John Stuart Mill: On Liberty – Project Gutenberg.

John Stuart Mill: Utilitarianism – Project Gutenberg, revidierter Text.

John Stuart Mill: Utilitarianism – Erstausgabe 1863, S. 69.

John Stuart Mill: Collected Works, Band X – editorische Einleitung und Text.

a fortiori

↑ Zum Register

Bei Mill: à fortiori

Wörtlich

a ist die lateinische Präposition a/ab – «von», «von … her».

fortiori ist der Ablativ Singular von fortior, fortius, dem Komparativ von fortis – «stark». Fortior bedeutet «stärker».

Die vollständigere mittelalterliche Form lautet a fortiori ratione. Ratione ist der Ablativ von ratio – hier «Grund» oder «Begründung».

Wörtlich:

«aus einem stärkeren Grund».

Merriam-Webster – a fortiori

Bedeutung

Sinngemäss: «erst recht», «umso mehr» oder «mit umso stärkerem Grund».

Bei Mill

In On Liberty verwendet Mill à fortiori bei der Frage, welche Güter der Staat besteuern darf.

Steuern sind für ihn zunächst ein praktisches Erfordernis: Der Staat benötigt Einnahmen und muss deshalb entscheiden, welche Konsumgüter er belastet. Mill hält es für sinnvoll, dabei solche Güter zu wählen, auf die Menschen vergleichsweise leicht verzichten können. Ein noch stärkerer Grund spricht seiner Auffassung nach für Güter, deren übermässigen Gebrauch der Staat als schädlich beurteilt. Genau diesen Übergang kennzeichnet er mit à fortiori. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. V

Die Stelle steht in einem grösseren Zusammenhang. Mill unterscheidet zwischen einer Steuer, die der Finanzierung des Staates dient, und einer Massnahme, deren eigentlicher Zweck darin besteht, Erwachsene von einer bestimmten Lebensweise abzuhalten. Das zweite Problem berührt unmittelbar seine Theorie der Freiheit.

Begriffsgeschichte

Die Wendung stammt aus dem mittelalterlichen Latein. Im Englischen ist a fortiori seit dem 16. Jahrhundert belegt; als frühester bekannter Gebrauch wird 1561 genannt.

Besonders dauerhaft blieb der Ausdruck in der juristischen Argumentation. Dort bezeichnet er einen Schluss, bei dem ein bereits anerkannter Grund in einem zweiten Fall noch stärker gilt.

a priori

↑ Zum Register

Bei Mill: à priori

Wörtlich

a bedeutet «von», «von … her».

priori ist der Ablativ Singular von prior, prius – «der frühere», «das frühere», «das vorhergehende».

Wörtlich:

«vom Früheren her» oder «von dem her, was vorausgeht».

Bedeutung

In der neueren Philosophie bezeichnet a priori eine Erkenntnis oder Begründung, die nicht aus Erfahrung gewonnen wird. Stanford Encyclopedia of Philosophy – A Priori Justification and Knowledge

Diese Bedeutung ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung. In der mittelalterlichen Philosophie bezeichnete a priori zunächst eine Richtung des Beweisens.

Bei Mill

Mill führt den Ausdruck gleich zu Beginn von Utilitarianism ein. Er unterscheidet zwei Auffassungen über die Grundlagen der Moral.

Die von ihm als «intuitive» Schule bezeichnete Position nimmt an, dass die obersten moralischen Prinzipien «evident à priori» seien. Mill stellt ihr eine induktive Auffassung gegenüber, nach der auch moralische Erkenntnis mit Beobachtung und Erfahrung zusammenhängt. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. I

Kurz darauf nennt er Kant als besonders bedeutenden Vertreter der à priori moralists. Sein Einwand lautet nicht, dass allgemeine moralische Grundsätze überflüssig seien. Er fragt vielmehr, wodurch sie begründet werden und wie aus ihnen konkrete moralische Urteile folgen.

Mill versucht zu zeigen, dass selbst eine Moraltheorie, die ihre Grundsätze a priori begründet, bei deren Anwendung nicht vollständig ohne Überlegungen zu den Folgen menschlichen Handelns auskommt.

Begriffsgeschichte

Die Vorgeschichte führt zu Aristoteles und seiner Unterscheidung zwischen dem, was seiner Natur nach früher ist, und dem, was für uns zuerst erkennbar ist. In der mittelalterlichen Scholastik entwickelten sich daraus die Bezeichnungen a priori und a posteriori. Ein Beweis a priori ging von Ursache oder Grund zur Wirkung; ein Beweis a posteriori in der umgekehrten Richtung.

Mit der neuzeitlichen Erkenntnistheorie verlagerte sich die Frage. Besonders folgenreich wurde die Verwendung bei Immanuel Kant: Erkenntnis a priori ist bei ihm von Erfahrung unabhängig.

Die Unterscheidung blieb auch nach Kant bestehen. Bis heute gehört die Frage, ob und wie Erkenntnis unabhängig von Erfahrung gerechtfertigt werden kann, zu den Grundproblemen der Erkenntnistheorie.

ad misericordiam

↑ Zum Register

Wörtlich

ad bedeutet «zu», «auf … hin».

misericordiam ist der Akkusativ Singular von misericordia – «Mitleid», «Erbarmen», «Mitgefühl».

Wörtlich:

«auf das Mitleid hin».

Bedeutung

Ad misericordiam bezeichnet einen Appell an Mitleid oder Erbarmen.

Bei Mill

In On Liberty behandelt Mill Menschen, die wegen einer unpopulären Auffassung gesellschaftliche Nachteile erleiden.

Mill bezieht die Wendung enger auf Menschen, deren Lebensunterhalt bereits gesichert ist und die weder von Mächtigen noch von der öffentlichen Gunst abhängig sind. Für sie gebe es keinen Raum für einen blossen appeal ad misericordiam: Bloss schlecht beurteilt oder schlecht besprochen zu werden, müssten sie ertragen können.

Damit ist Mills Argument jedoch nicht beendet. Unmittelbar danach verlagert er den Blick von ihrem persönlichen Leid auf den Schaden, den gesellschaftliche Intoleranz der Gesellschaft selbst zufügt: Abweichende Auffassungen werden nicht offen entwickelt und geprüft, sondern in enge Kreise zurückgedrängt. Der Ausdruck markiert somit den Übergang von einem Mitleidsargument zu Mills allgemeiner Verteidigung freier Diskussion. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. II

Begriffsgeschichte

Appelle an Mitleid gehören bereits zur antiken Rhetorik. Die feste Bezeichnung ad misericordiam als eigener Argumenttyp ist jünger.

In der modernen Argumentationstheorie bezeichnet der Ausdruck nicht automatisch einen Fehlschluss. Entscheidend ist, ob das hervorgerufene Mitleid für die strittige Frage tatsächlich einen sachlichen Grund liefert.

ceteris paribus

↑ Zum Register

Bei Mill: cæteris paribus

Wörtlich

ceteris ist der Ablativ Plural von ceterus, -a, -um – «der übrige», «der andere».

paribus ist der Ablativ Plural von par, paris – «gleich».

Wörtlich:

«wenn die übrigen Dinge gleich sind»
oder
«wenn die übrigen Dinge gleich bleiben».

Bedeutung

Ceteris paribus bedeutet «unter sonst gleichen Bedingungen» oder «unter sonst gleichen Umständen».

Der Ausdruck ist besonders wichtig, wenn ein Ergebnis von mehreren Faktoren beeinflusst wird. Er erlaubt es, einen Zusammenhang einzeln zu untersuchen, während andere Einflussgrössen für diesen Untersuchungsschritt als unverändert gelten.

Bei Mill

Mill verwendet die Wendung in On Liberty bei der Frage, wann wirtschaftliches Handeln staatlich geregelt werden darf.

Handel ist für ihn keine rein private Handlung. Verkäufer treten mit anderen Menschen in Beziehung und können deren Interessen berühren. Bestimmte Regeln – etwa gegen Betrug oder zum Schutz vor konkreten Gefahren – können deshalb zulässig sein.

Trotzdem hält Mill das Sich-selbst-Überlassen für besser als Kontrolle, cæteris paribus: wenn die übrigen Bedingungen gleich sind. Im selben Satz hält er ausdrücklich fest, dass Kontrolle für die genannten Zwecke grundsätzlich legitim sein kann. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. V

Die Einschränkung ist entscheidend. Mill formuliert keinen Satz, nach dem jede Kontrolle unter allen Umständen schlechter wäre als Freiheit. Ändern sich die Bedingungen, muss auch die Frage nach einem Eingriff neu beurteilt werden.

Begriffsgeschichte

Eine nichttechnische Verwendung findet sich bereits bei Cicero. Für wirtschaftliche Fragen ist die Formel spätestens um 1295 bei Petrus Johannis Olivi belegt. Im 16. Jahrhundert verwenden sie Juan de Medina und Luis de Molina. 1662 erscheint caeteris paribus bei William Petty in einer englischsprachigen wirtschaftlichen Schrift. Stanford Encyclopedia of Philosophy – Geschichte von ceteris paribus

Im späten 19. Jahrhundert wurde die Formel durch Alfred Marshall zu einem wichtigen Werkzeug ökonomischer Analyse. Im 20. Jahrhundert wurde sie zusätzlich zum Gegenstand der Wissenschaftstheorie.

commission de lunatico

↑ Zum Register

Wörtlich

Die Formel ist ein Sonderfall: Mill verbindet einen englischen Ausdruck mit einer lateinischen Rechtsformel.

commission bezeichnet die Einsetzung eines förmlichen Untersuchungsverfahrens.

de bedeutet «über», «hinsichtlich», «betreffend».

lunatico ist der Ablativ Singular von lunaticus. Das Wort gehört zu luna – «Mond» – und wurde historisch für einen als geisteskrank geltenden Menschen verwendet.

Die ausführlichere Rechtsformel lautet de lunatico inquirendo.

Wörtlich ungefähr:

«zur Untersuchung hinsichtlich eines Geisteskranken».

Bedeutung

Eine commission de lunatico inquirendo war ein von der Chancery veranlasstes Untersuchungsverfahren. Es sollte klären, ob eine Person als geistig unfähig galt, ihre Angelegenheiten und insbesondere ihr Vermögen selbst zu verwalten. Im Zentrum stand damit die rechtliche und vermögensbezogene Selbständigkeit; die Kommission war nicht als solche eine Einweisung in eine Anstalt. The National Archives – Mental health records

Bei Mill

Mill verwendet die Formel in On Liberty bei seiner Verteidigung ungewöhnlicher Lebensweisen.

Menschen, deren Verhalten stark von gesellschaftlichen Erwartungen abwich, riskierten nach seiner zugespitzten Darstellung nicht nur Spott oder Ablehnung. Im äussersten Fall konnten ihre Urteilsfähigkeit und ihre rechtliche Selbständigkeit zum Gegenstand eines Verfahrens werden.

Das Beispiel zeigt, wie gesellschaftliche Vorstellungen darüber, was als vernünftig oder normal gilt, über blosse Missbilligung hinausreichen und konkrete rechtliche Folgen haben konnten.

Begriffsgeschichte

De lunatico inquirendo gehörte zum älteren englischen Recht. Auf eine solche Kommission konnte eine förmliche Untersuchung folgen; bei einem entsprechenden Befund konnten die Verfügungsmacht über das Vermögen und die selbständige rechtliche Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden.

Mill verweist damit auf eine Institution, die seinen zeitgenössischen Lesern noch bekannt war. Seine unmittelbar anschliessende Erläuterung – das Vermögen könne der Person entzogen und ihren Verwandten übergeben werden – bestätigt, dass hier vor allem die rechtliche Kontrolle des Besitzes gemeint ist. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. III

de jure

↑ Zum Register

Heute auch: de iure

Wörtlich

de bedeutet hier «von», «hinsichtlich» oder «gemäss».

jure ist der Ablativ Singular von jus, juris – heute meist ius, iuris – «Recht».

Wörtlich:

«dem Recht nach».

Merriam-Webster – de jure

Bedeutung

De jure bedeutet «rechtlich» oder «dem Recht nach».

Bei Mill

Der Ausdruck steht im ersten Kapitel von On Liberty und gehört unmittelbar zur Grenze zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung.

Handlungen, die nur den Handelnden selbst betreffen, gehören grundsätzlich in dessen eigenen Bereich. Wo dagegen die Interessen anderer betroffen sind, ist der Einzelne nach Mill de jure amenable: Dort kann überhaupt erst die Frage entstehen, ob gesellschaftliche oder rechtliche Sanktionen gerechtfertigt sind. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. I

Mill fragt also nicht, ob eine Gesellschaft faktisch Macht besitzt. Er fragt, wann sie berechtigt ist, jemanden zur Verantwortung zu ziehen.

Begriffsgeschichte

De jure stammt aus dem mittelalterlichen Latein. Im Englischen ist die Wendung seit 1611 belegt.

Besonders geläufig wurde später die Gegenüberstellung von de jure und de facto: Was rechtlich gilt, kann von dem abweichen, was tatsächlich besteht.

Deorum injuriae Diis curae

↑ Zum Register

Bei Mill: Deorum injuriae Diis curae

Wörtlich

deorum – Genitiv Plural von deus. Der Genitiv ist hier objektiv zu verstehen: «gegen die Götter».

injuriae – Nominativ Plural von injuria: «Unrecht», «Kränkungen», «Beleidigungen».

Diis – Dativ Plural von deus: «den Göttern».

curae – Dativ Singular von cura: «zur Sorge», «als Angelegenheit». Zusammen bilden Diis curae eine doppelte Dativkonstruktion.

Wörtlich:

«Beleidigungen gegen die Götter sind Sache der Götter.»

Bedeutung

Die Sentenz besagt: Um vermeintliche Beleidigungen der Götter sollen sich die Götter selbst kümmern.

Bei Mill

Mill verwendet die Formel in On Liberty bei seiner Kritik an religiös begründeter Gesetzgebung.

Er behandelt Einschränkungen von Sonntagsvergnügungen. Wenn das Argument gegen eine Handlung lediglich lautet, sie sei vor Gott religiös falsch, reicht dies für Mill nicht aus, um sie anderen Menschen zu verbieten.

Unmittelbar danach schreibt er Deorum injuriae Diis curae und fragt, woher eine Gesellschaft überhaupt den Auftrag nehmen sollte, eine vermeintliche Beleidigung Gottes zu rächen, die keinem Mitmenschen Unrecht zufügt. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. IV

Begriffsgeschichte

Der historische Ausgangspunkt liegt bei Tacitus, Annales I, 73. Dort steht im Zusammenhang indirekter Rede:

deorum iniurias dis curae

Iniurias ist bei Tacitus Akkusativ Plural, weil die Aussage von scripsit abhängt und ein esse mitzudenken ist. Dis ist die zusammengezogene Form von diis. Mill macht aus der abhängigen Konstruktion eine selbständige Sentenz und verwendet deshalb den Nominativ injuriae: Deorum injuriae Diis curae. Seine Form ist somit keine wortgetreue Wiedergabe, sondern eine grammatisch angepasste, später verbreitete Fassung. Tacitus, Annales I, 73 – lateinischer Text

Auch Thomas Jefferson verwendet 1824 bereits die Form deorum injuriae, diis curae und verweist dabei auf Tacitus. Jefferson an George Thacher, 26. Januar 1824

Die Sentenz wurde damit zu einem Argument gegen die staatliche Bestrafung vermeintlicher religiöser Verfehlungen.

δίκαιον – dikaion / δίκη – dikē

↑ Zum Register

Wörtlich

Nach dem griechischen Lexikon LSJ bezeichnet δίκη – dikē je nach Zusammenhang unter anderem «Brauch», «Recht», «Gerechtigkeit», «Rechtsstreit» oder «Strafe». LSJ über Scaife ATLAS – δίκη

δίκαιον – dikaion ist die substantivierte neutrale Form von δίκαιος – dikaios – «gerecht», «rechtmässig».

Wörtlich bedeutet τὸ δίκαιον:

«das Gerechte» oder «das Rechte».

Bedeutung

Dikē kann sowohl Recht und Gerechtigkeit als auch einen konkreten Rechtsstreit bezeichnen.

Dikaion bezeichnet das, was gerecht oder recht ist.

Bei Mill

Mill führt beide Wörter in Utilitarianism ein, als er untersucht, woher die Vorstellung von Gerechtigkeit stammt.

In der ersten Ausgabe von 1863 steht ausdrücklich:

Δίκαιον comes directly from δίκη, a suit at law.

Utilitarianism, Ausgabe von 1863, S. 69

Mill überarbeitete die Passage für spätere Ausgaben erheblich; die letzte von ihm autorisierte Fassung erschien 1871. Diese spätere Fassung enthält zusätzliche etymologische Erläuterungen. Mills Übersetzung von δίκη als «a suit at law» gibt jedoch nur einen Teil des griechischen Bedeutungsfeldes wieder. Deshalb werden hier die Formulierung der Erstausgabe von 1863 und die revidierte Fassung von 1871 ausdrücklich auseinandergehalten. Collected Works – editorische Einleitung zu Utilitarianism

Für sein Argument ist die Verbindung zwischen Gerechtigkeit und verbindlicher gesellschaftlicher Ordnung wichtig. Er untersucht, weshalb Vorstellungen von Gerechtigkeit historisch so eng mit Gesetz, Recht und durchsetzbaren Regeln verbunden sind.

Begriffsgeschichte

Dikē gehört zum alten Grundwortschatz der griechischen Rechts- und Moralsprache. Bei Platon und Aristoteles wird die Wortfamilie um dikē, dikaios und dikaiosynē zu einem wichtigen philosophischen Vokabular der Gerechtigkeit.

Die Frage reicht dort weit über einzelne Rechtsfälle hinaus: Was ist eine gerechte Handlung, ein gerechter Mensch oder eine gerechte politische Ordnung?

ex vi termini

↑ Zum Register

Wörtlich

ex – «aus», «von … her».

vi – Ablativ von vis: «Kraft». Die Verbindung ex vi bedeutet zusammen «kraft».

termini – Genitiv von terminus: «Grenze», «Begriff», «Ausdruck».

Wörtlich:

«kraft des Ausdrucks».

Merriam-Webster – ex vi termini

Bedeutung

Ex vi termini bedeutet: Etwas folgt bereits aus der Bedeutung des verwendeten Ausdrucks – «per Definition».

Bei Mill

In On Liberty schreibt Mill über Menschen von aussergewöhnlicher Begabung. Menschen von Genie seien ex vi termini stärker individuell als andere. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. III

Wenn jemand gerade wegen seiner aussergewöhnlichen Fähigkeiten und Eigenart als Genie bezeichnet wird, gehört grössere Individualität bereits zu dem, was mit diesem Ausdruck gemeint ist.

Die Stelle steht in Mills Verteidigung der Individualität. Eine Gesellschaft, die Abweichungen vom Durchschnitt möglichst klein hält, erschwert gerade denjenigen Menschen die Entfaltung, deren Eigenart besonders stark ausgeprägt ist.

Begriffsgeschichte

Die Formel gehört zur lateinischen Gelehrten- und Rechtssprache. Ihre Bedeutung hat sich kaum verändert: Sie kennzeichnet eine Folgerung, die bereits aus der Definition oder dem verwendeten Ausdruck hervorgeht.

jus – jussum – justum

↑ Zum Register

Heute: ius – iussum – iustum

Wörtlich

ius – «Recht».

iussum – «Befehl», «Anordnung», «das Befohlene»; das Wort gehört zu iubere – «befehlen», «anordnen».

iustum – substantivierte neutrale Form von iustus: «das Gerechte», «das Rechtmässige».

Bedeutung

Die drei ähnlich aussehenden Wörter bezeichnen Verschiedenes:

ius – Recht
iussum – das Befohlene
iustum – das Gerechte oder Rechtmässige.

Bei Mill

Mill stellt die Wörter in Utilitarianism bei seiner Untersuchung des Gerechtigkeitsbegriffs nebeneinander. In der letzten von Mill autorisierten Ausgabe von 1871 lautet die Passage:

“Justum is a form of jussum, that which has been ordered. Jus is of the same origin.” Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V

Diese Etymologie entspricht nicht dem heutigen sprachwissenschaftlichen Stand.

Iustum gehört zur Wortfamilie von ius, «Recht». Iussum gehört dagegen zu iubere, «befehlen». Die Ähnlichkeit von ius und iussum reicht nicht aus, um eine gemeinsame Herkunft anzunehmen.

Das macht die Stelle besonders interessant: Mills sprachgeschichtliche Erklärung muss korrigiert werden. Die falsche Etymologie schwächt seine sprachhistorische Begründung für eine ursprüngliche Verbindung von Gerechtigkeit und Befehl. Seine umfassendere philosophische Frage bleibt dennoch bestehen: weshalb Menschen Gerechtigkeit so eng mit verbindlichen Regeln, Gesetz und gesellschaftlicher Autorität verbinden.

Begriffsgeschichte

Ius gehört zum Grundwortschatz des römischen Rechts und konnte sowohl Recht als Ordnung als auch einen konkreten Rechtsanspruch bezeichnen.

Aus dieser Wortfamilie stammt iustus – «rechtmässig», «gerecht». Aus ihr entwickelten sich später zahlreiche europäische Wörter der Rechts- und Moralsprache, darunter englisch justice und deutsch «Justiz».

Iussum gehört dagegen zu einer anderen Wortfamilie: iubere, «befehlen».

lex talionis

↑ Zum Register

Wörtlich

lex – «Gesetz».

talionis – Genitiv von talio: entsprechende oder gleichartige Vergeltung.

Wörtlich:

«Gesetz der gleichartigen Vergeltung».

Bedeutung

Lex talionis bezeichnet das Prinzip, ein zugefügtes Unrecht mit einer entsprechenden Strafe oder Gegenleistung zu beantworten.

Bei Mill

In Kapitel V von Utilitarianism untersucht Mill verschiedene Vorstellungen gerechter Strafe.

Keine Regel spreche das ursprüngliche und spontane Gerechtigkeitsgefühl so unmittelbar an wie die lex talionis: «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Zugleich stellt Mill fest, dass dieses Prinzip in Europa als praktische Strafregel weitgehend aufgegeben worden sei. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V

Gerade dieser Gegensatz interessiert ihn. Die Vorstellung entsprechender Vergeltung wirkt psychologisch stark, obwohl moderne Rechtssysteme ihr nicht einfach folgen.

Die lex talionis dient ihm deshalb als weiteres Beispiel dafür, dass intuitive Gerechtigkeitsvorstellungen noch keinen eindeutigen Massstab für gerechte Strafe ergeben.

Begriffsgeschichte

Das Prinzip ist wesentlich älter als die lateinische Bezeichnung. Es erscheint unter anderem in biblischen Rechtstexten.

Dabei lässt sich die lex talionis nicht nur als Aufforderung zur Vergeltung lesen. In der Rechtsgeschichte wurde sie auch als Begrenzung der Strafe verstanden: Die Reaktion soll nicht über das zugefügte Unrecht hinausgehen. Oxford Journal of Legal Studies – Proportionalität und lex talionis

nisi prius

↑ Zum Register

Wörtlich

nisi – «wenn nicht», «es sei denn».

prius – «früher», «vorher».

Wörtlich:

«wenn nicht vorher».

Bedeutung

Nisi prius bezeichnete im älteren englischen Common Law die örtliche Verhandlung von Tatsachenfragen in Zivilsachen vor einem Richter – regelmässig mit Jury –, obwohl das Verfahren formal an einem der Zentralgerichte in Westminster begonnen hatte. Später wurde der Ausdruck allgemeiner für ein erstinstanzliches Gerichts- oder Juryverfahren gebraucht.

Bei Mill

Mill verwendet den Ausdruck in On Liberty als Vergleich für eine bestimmte Form intellektueller Ausbildung.

Wer nur darin geschult wird, die eigene Seite möglichst geschickt zu verteidigen, kann nach Mill zu einem gewandten nisi prius advocate werden. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. II

Für wirkliche intellektuelle Bildung reicht das nicht. Ein Anwalt muss den ihm anvertrauten Fall überzeugend vertreten. Wer eine Frage verstehen will, muss dagegen auch die stärksten Argumente der Gegenseite kennen, prüfen und beantworten können.

Damit fügt sich der juristische Ausdruck unmittelbar in Mills Argument für freie Diskussion ein.

Begriffsgeschichte

Der Name geht auf die Form mittelalterlicher Gerichtsaufträge zurück: Eine Jury sollte zu einem späteren Termin erscheinen, «wenn nicht vorher» – nisi prius – königliche Richter den Fall bereits vor Ort behandelt hatten.

Der Statute of Westminster II von 1285 spielte für die Entwicklung dieses Verfahrens eine wichtige Rolle. Cornell Legal Information Institute – nisi prius

odium theologicum

↑ Zum Register

Wörtlich

odium – «Hass», «Abneigung», «Feindschaft».

theologicum – «theologisch».

Wörtlich:

«theologischer Hass».

Merriam-Webster – odium theologicum

Bedeutung

Odium theologicum bezeichnet besonders heftige Feindschaft, die aus religiösen oder theologischen Auseinandersetzungen entsteht.

Bei Mill

Im ersten Kapitel von On Liberty untersucht Mill, wie gesellschaftliche Vorstellungen darüber entstehen, welches Verhalten gebilligt oder missbilligt wird.

Moralische Gefühle können aus Gewohnheit, Eigeninteresse, gesellschaftlichen Erwartungen oder religiösen Überzeugungen hervorgehen. Beim aufrichtigen religiösen Fanatiker nennt Mill das odium theologicum als einen besonders eindeutigen Fall moralischen Gefühls. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. I

Für sein Argument ist die Folgerung wichtig: Die Stärke eines moralischen Gefühls sagt noch nichts darüber, ob daraus ein Recht entsteht, andere Menschen zu zwingen.

Begriffsgeschichte

Odium theologicum gehört zum neulateinischen Wortschatz religiöser Kontroversen. Die Formel bezeichnet nicht eine bestimmte Lehre, sondern die besondere Verbitterung und Unnachgiebigkeit, die theologische Auseinandersetzungen annehmen können.

per se

↑ Zum Register

Wörtlich

per – «durch».

se – «sich selbst».

Wörtlich:

«durch sich selbst».

Merriam-Webster – per se

Bedeutung

Per se bedeutet «an sich», «für sich betrachtet» oder «aus sich selbst heraus».

Bei Mill

In Kapitel V von Utilitarianism fragt Mill, ob Gerechtigkeit einen eigenständigen moralischen Massstab bildet.

Wäre Gerechtigkeit ein standard per se, den der Mensch allein durch innere Betrachtung erkennen könnte, wäre für Mill schwer zu erklären, weshalb Menschen bei konkreten Fragen der Gerechtigkeit zu so unterschiedlichen Urteilen kommen. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V

Die Stelle gehört zu seinem Versuch, die besondere Kraft des Gerechtigkeitsgefühls zu erklären, ohne dafür einen vom Nutzen völlig unabhängigen moralischen Massstab anzunehmen.

Begriffsgeschichte

Per se gehört seit langer Zeit zur lateinischen philosophischen Sprache. Im Englischen ist der Ausdruck seit 1574 belegt.

πλεονεξία – pleonexia

↑ Zum Register

Wörtlich

πλέον – pleon – «mehr».

ἔχειν – echein – «haben».

Wörtlich liegt darin die Vorstellung:

«mehr haben» oder «mehr haben wollen».

Das verlinkte Lexicon Thucydideum ist ein Spezialwörterbuch zum Wortschatz des Thukydides; es belegt für diesen Autor unter anderem Bedeutungen wie Habgier und übermässiges Beanspruchen. Für das gesamte klassische Griechisch darf ein solcher Spezialbeleg nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Scaife ATLAS – Lexicon Thucydideum, πλεονεξία

Bedeutung

Pleonexia bezeichnet das Streben, mehr für sich zu beanspruchen, als einem zusteht: Habgier, Übervorteilung oder das Verlangen nach einem übermässigen Anteil.

Bei Mill

In On Liberty unterscheidet Mill zwischen Eigenschaften, die vor allem dem Handelnden selbst schaden, und solchen, durch die andere Menschen unmittelbar betroffen sind.

Zur zweiten Gruppe zählt er «the desire to engross more than one's share of advantages» und setzt unmittelbar dahinter den griechischen Begriff πλεονεξία. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. IV

Der Ausdruck bezeichnet deshalb bei Mill nicht einfach ein starkes Verlangen nach Besitz. Es geht darum, sich mehr als den eigenen Anteil zu verschaffen. Gerade diese Beziehung zu den Ansprüchen anderer macht pleonexia für seine Unterscheidung moralisch relevant.

Begriffsgeschichte

In der klassischen griechischen Philosophie wurde pleonexia zu einem wichtigen Gegenbegriff der Gerechtigkeit.

Bei Platon erscheint das Streben nach dem Mehrhaben besonders in Gorgias und Politeia. Auch Aristoteles verbindet bestimmte Formen der Ungerechtigkeit damit, einen grösseren Anteil an Gütern oder einen kleineren Anteil an Lasten für sich zu beanspruchen.

prima facie

↑ Zum Register

Bei Mill: primâ facie

Wörtlich

prima ist der Ablativ Singular Femininum von primus – «der erste».

facie ist der Ablativ Singular von facies – «Erscheinung», «Anblick», «Gestalt».

Wörtlich:

«beim ersten Anblick».

Merriam-Webster – prima facie

Bedeutung

Prima facie bedeutet «auf den ersten Blick», «zunächst» oder «nach dem ersten Anschein».

Bei Mill

Der Ausdruck steht im ersten Kapitel von On Liberty an einer zentralen Stelle.

Wenn jemand eine Handlung begeht, die anderen schadet, besteht nach Mill ein «primâ facie case» dafür, ihn durch Gesetz oder gesellschaftliche Missbilligung zur Verantwortung zu ziehen. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. I

Prima facie ist dabei wichtig: Der Schaden liefert zunächst einen Grund für gesellschaftliche Verantwortlichkeit. Mill sagt nicht, dass jeder Schaden automatisch eine Sanktion rechtfertigt. Weitere Gründe können im konkreten Fall gegen einen Eingriff sprechen.

Der Ausdruck schützt das Schadensprinzip damit vor einer zu einfachen Lesart.

Begriffsgeschichte

Im Englischen ist prima facie seit etwa 1500 belegt. In der Rechtssprache entwickelte sich daraus die bis heute gebräuchliche Bedeutung eines Falles oder Beweises, der zunächst ausreichend erscheint, solange keine entgegenstehenden Gründe oder Beweise hinzukommen.

qua

↑ Zum Register

Bei Mill: quâ

Wörtlich

quā ist die feminine Form des Ablativ Singular von qui, quae, quod. In adverbialer Verwendung kann sie «in welcher Eigenschaft» oder «insofern als» bedeuten. Merriam-Webster – qua

Bedeutung

Qua bedeutet «als», «in der Eigenschaft als» oder «insofern als».

Bei Mill

Mill schreibt in On Liberty:

“all restraint, quâ restraint, is an evil” Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. V

Er sagt damit nicht, dass jede Beschränkung insgesamt unzulässig wäre. Er betrachtet nur eine ihrer Eigenschaften: Insofern eine Regel Freiheit beschränkt, ist diese Beschränkung ein Nachteil.

Andere Gründe können trotzdem für dieselbe Regel sprechen. Im unmittelbar folgenden Text nennt Mill beispielsweise Schutz vor Betrug und Sicherheitsvorschriften als grundsätzlich zulässige Gegenstände staatlicher Regelung.

Begriffsgeschichte

Als englische Präposition ist qua seit 1647 belegt. Die damals übernommene Bedeutung «in der Eigenschaft als» entspricht bereits dem Gebrauch bei Mill.

Socratici viri

↑ Zum Register

Wörtlich

Socratici ist der Nominativ Plural von Socraticus – «sokratisch», «zu Sokrates gehörig».

viri ist der Nominativ Plural von vir – «Mann».

Wörtlich:

«sokratische Männer».

Bedeutung

Gemeint sind Männer aus dem Umfeld oder der philosophischen Tradition des Sokrates.

Bei Mill

In On Liberty behandelt Mill die Frage, wie Menschen eine Auffassung wirklich verstehen lernen.

Er blickt dabei auf ältere Formen argumentativer Schulung zurück. Selbst die scholastischen Disputationen des Mittelalters hätten einen gewissen Wert gehabt, weil Lernende gezwungen wurden, eine Position und ihre Gegenposition zu kennen. Noch höher stellt Mill jedoch die kraftvolle Dialektik, welche die «Socratici viri» intellektuell gebildet habe. Primärtext: Mill, On Liberty, Kap. II

Der Bezug auf Sokrates gehört unmittelbar zu Mills Verteidigung freier Diskussion. Eine Auffassung bleibt für ihn nur dann lebendig, wenn sie sich ernsthaften Gegenargumenten stellen muss.

Begriffsgeschichte

Die lateinische Wendung ist bereits bei Cicero belegt. In einem Brief an Atticus aus dem Jahr 44 v. Chr. ruft er O Socrate et Socratici viri! aus. Cicero, Ad Atticum 14,9

Die Wendung zeigt, dass Sokrates und die von ihm ausgehende philosophische Tradition bereits in der römischen Gelehrtenkultur unter einer festen lateinischen Bezeichnung weitergeführt wurden.

sui generis

↑ Zum Register

Wörtlich

sui ist hier der Genitiv des Reflexivpronomens se – «seiner selbst».

generis ist der Genitiv Singular von genus – «Art», «Gattung».

Wörtlich:

«von eigener Art» oder «seiner eigenen Gattung».

Merriam-Webster – sui generis

Bedeutung

Sui generis bezeichnet etwas, das eine eigene Art bildet und sich nicht einfach einer bereits bestehenden Kategorie zuordnen lässt.

Bei Mill

In Kapitel V von Utilitarianism fragt Mill, ob das Gerechtigkeitsgefühl etwas sui generis ist.

Die Alternative formuliert er sehr konkret: Ist dieses Gefühl eine eigenständige psychische Gegebenheit, vergleichbar mit Farb- oder Geschmacksempfindungen, oder entsteht es aus einer Verbindung anderer Gefühle? Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V

Die Frage ist für seine Argumentation wichtig. Wenn das Gerechtigkeitsgefühl völlig eigenständig wäre, könnte dies für einen besonderen Ursprung der Gerechtigkeit sprechen. Mill untersucht dagegen, ob sich dieses Gefühl aus allgemeineren Bestandteilen menschlicher Psychologie erklären lässt.

Begriffsgeschichte

Im Englischen ist sui generis seit dem frühen 17. Jahrhundert belegt. Frühe Verwendungen finden sich besonders in wissenschaftlichen Zusammenhängen für Dinge, die als einzige Vertreter ihrer Art betrachtet wurden; später wurde der Gebrauch allgemeiner.

summum bonum

↑ Zum Register

Wörtlich

summum ist die neutrale Form von summus – «das höchste», «das oberste».

bonum ist das substantivierte Neutrum von bonus – «das Gute», «ein Gut».

Wörtlich:

«das höchste Gut».

Bedeutung

Summum bonum bezeichnet das höchste oder letzte Gut, an dem andere Güter und Ziele ausgerichtet werden.

Bei Mill

Mill eröffnet Utilitarianism mit der Feststellung, dass die Frage nach dem summum bonum seit den Anfängen der Philosophie zu den grossen Streitfragen gehöre. Im selben Satz setzt er diese Frage mit der Frage nach dem Fundament der Moral in Verbindung. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. I

Für Mill hängen beide Probleme eng zusammen: Nach welchem letzten Massstab beurteilen wir Handlungen, und welches Gut bildet den letzten Bezugspunkt dieser Bewertung?

Seine utilitaristische Antwort entwickelt er im weiteren Verlauf des Werkes. Glück – von Mill hier als Lust und Abwesenheit von Schmerz (pleasure and the absence of pain) bestimmt – bildet den letzten Bezugspunkt moralischer Bewertung.

Begriffsgeschichte

Die Frage nach dem höchsten Gut gehört zum Grundbestand antiker Ethik. Die verschiedenen hellenistischen Philosophenschulen liessen sich unter anderem danach unterscheiden, was sie als höchstes Gut und letztes Ziel des Lebens bestimmten. Stanford Encyclopedia of Philosophy – Stoicism, zum summum bonum und telos

In der lateinischen Philosophie wurde dafür die Formel summum bonum geläufig. Cicero behandelt in De finibus bonorum et malorum ausführlich die konkurrierenden Auffassungen der antiken Schulen.

Später erhielt der Ausdruck in der christlichen Philosophie neue Bedeutungen. Auch Immanuel Kant verwendet den Begriff des höchsten Gutes, verbindet damit jedoch eine eigene Frage nach dem Verhältnis von Tugend und Glück.

Mill verwendet also einen Ausdruck, in dem bereits eine lange Geschichte sehr unterschiedlicher Antworten steckt.

volenti non fit injuria

↑ Zum Register

Wörtlich

volenti ist der Dativ Singular von volens, dem Partizip von velle – «wollen»: «dem Wollenden», «dem Einwilligenden».

non – «nicht».

fit – «geschieht», «wird».

injuria – «Unrecht», «Rechtsverletzung».

Wörtlich:

«Dem Einwilligenden geschieht kein Unrecht.»

Bedeutung

Die Maxime besagt: Wer freiwillig und wirksam in etwas eingewilligt hat, kann grundsätzlich nicht gerade diese Handlung als ihm zugefügtes Unrecht behandeln.

Bei Mill

Mill führt die Formel in Kapitel V von Utilitarianism bei seiner Untersuchung verschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen an.

Er behandelt dort die Vorstellung eines ursprünglichen Gesellschaftsvertrages: Menschen hätten sich verpflichtet, den Gesetzen zu gehorchen und damit auch ihrer Bestrafung zugestimmt. Diese Konstruktion sollte die Strafe mit der Maxime volenti non fit injuria rechtfertigen. Primärtext: Mill, Utilitarianism, Kap. V

Mill weist diese Lösung zurück. Selbst wenn die Zustimmung nicht bloss erfunden wäre, hätte die Maxime für ihn keine höhere Autorität als andere Gerechtigkeitsregeln. Ausserdem können selbst Gerichte sie nicht uneingeschränkt anwenden: Verträge können etwa wegen Betrug, Irrtum oder falscher Information unwirksam sein.

Die Stelle zeigt einen wichtigen Teil seiner Methode in Kapitel V. Mill sammelt verbreitete Vorstellungen von Gerechtigkeit und prüft, ob sie für sich allein einen widerspruchsfreien moralischen Massstab ergeben.

Begriffsgeschichte

Der zugrunde liegende Gedanke ist bereits im römischen Recht belegt. In Justinians Digesten wird eine Aussage des Juristen Ulpian überliefert:

nulla iniuria est, quae in volentem fiat – «Kein Unrecht geschieht demjenigen, der einwilligt». Digesten 47.10.1.5 – Universität Grenoble Alpes

Die später geläufige Formel volenti non fit injuria fasst diesen Gedanken knapper.

Im Common Law wurde die Maxime besonders mit der freiwilligen Übernahme eines bekannten Risikos verbunden. Cornell Legal Information Institute – volenti non fit injuria